Highlights aus Ostkanada

Ich will euch nicht einen ganzen Reisebericht zumuten, wie wir (Nadja und ich) durch den Osten von Kanada gezogen sind. Oder noch eher will ich euch gar nicht von allem, was Nadja und ich da so getrieben haben, erzählen. Deshalb berichte ich euch einfach einige Highlights von unserer Tour durch das Land der endlosen Wälder und wilden Bären.

Vorneweg einmal, es war phantastisch und ein Möst für jeden von euch! Wir sind vier Wochen mit einem Mietauto unterwegs gewesen und haben extrem viel gesehen und erlebt.

Sehr spannend war unsere erste Wanderung durch den La Mauricie National Park, der ein sehr dichtes Vorkommen von Schwarzbären (Ursus americanus) aufweist. Nach gründlichem Studium unseres Handbuchs "Ein Bär! Was jetzt?" und der überall aufliegenden Broschüre "Your in a Black Bear Country!" wagten wir es in den dichten Wald von Saint Mauricie einzudirngen. Die Statistiken aus dem Buch und der Broschüre konnten unsere Nervosität auf den ersten paar Metern (o.k. Kilometern) nicht legen, und hinter jedem Rascheln verbargt sich eine Schwarzbärenmutter mit mindestens zwei Jungen. Da waren wir uns ganz sicher, nur bekamen wir sie einfach nicht zu Gesicht. Mit der Zeit gewöhnten wir uns aber an die Situation in einem riesigen Bärenkäfig zu wandern und konnten mehr und mehr den wunderschönen Wald geniessen. Sehr eindrücklich waren die verschiedenen Aussichtspunkte, die einem einen weiten Blick über die Kronen der Laub- und Nadelbäume erlaubten. Mittlerweile liefen wir ganz entspannt dem Pfad entlang, plötzlich, direkt neben uns ein weiteres Rascheln, sehr nah und ziemlich laut. Schon wieder ein Bär, der sich nicht zu zeigen wagte. Ohne zu zögern und wie aus Buch und Broschüre gelernt, senkten wir unseren Blick auf den Boden, liefen langsam rückwärts und redeten mit tiefer Stimme auf das Tier ein. So konnten wir, dank Buch und Broschüre und durch unser richtiges Verhalten, die kritische Situation entspannen und unser erstes Treffen mit einem Streifenhörnchen (Tamias striatus) heil überstehen. Ansonsten kam es auf der ganzen Tour (sechs lange Stunden) zu keinem weiteren Treffen, dennoch war es sehr, sehr schön.

Gemütlich fuhren wir mit dem Auto zurück zum Zeltplatz, als ich durch ein gekonntes Brems- und Ausweichmanöver, das Aufladen einer Elchkuh mit Jungem (Alces alces) auf unsere Kühlerhaube verhindern konnte. Das Quietschen der Reifen schien die beiden nicht gross zu stören, was uns zu gute kam. Wir konnten den beiden eine Zeitlang zuschauen, wie sie mit ihren viel zu langen Beinen (da hat die Evolution mal wieder gewaltig gepfuscht, eigentlich beim ganzen Tier, nicht nur bei den Beinen) versuchten die Strasse zu überqueren. Als dann beide im Wald verschwunden waren, die Mutter auf der linken, das Jungtier auf der rechten Strassenseite, konnten wir unsere Reise fortsetzten. Wer nun denkt, dass sich das Jungtier durch unser langsames heranrollen (um bessere Fotos schiessen zu können) gestört fühlte und deshalb nicht der Mutter folgte, liegt vollkommen falsch. Wir konnten klar erkennen, wie der pupärtierende Kleine schon im voraus einen Streit mit seiner Mutter hatte und durch Weglaufen seiner Erzieherin eine Lektion erteilen wollte.

Nun Fazit war, dass wir sechs Stunden gelaufen sind für ein Streifenhörnchen und nur fünf Minuten gefahren für eine Elchkuh mit Nachwuchs! So sind wir dann den ganzen nächsten Tag mit dem Auto kreuz und quer durch den Park gefahren.

Ein weiteres sehr eindrückliches Erlebnis hatten wir auf der Bonaventure Island. Dies ist eine kleine Insel im Sankt Lorenz Golf vor der Küste der Gaspésie. (Für Insider und Klugscheisser, die Gaspésie ist eine Halbinsel Quebecs, die im lokalen Slang oft auch nur Gaspe genannt wird.) Die Insel liegt direkt vor Percé, einem kleinen Fischerdörfchen, und ist ausschliesslich mit dem Boot zu erreichen. Die zweitgrösste Basstölpelkolnie (Morus bassanus) macht diese kleine Insel zu einer echten Besonderheit. Jedes Jahr finden bis zu 80´000 Vögel den Weg zur Insel, um sich zu lieben und den Nachwuchs aufzuziehen. Mit einem von den drei Unternehmen, die eine Überfahrt anbietet (wieso es drei Unternehmen gibt scheint allen ein Rätsel), fuhren wir zuerst um die Insel herum. So bekamen wir vom Wasser aus einen ersten Eindruck des gigantischen Ausmass an Gannets (das sind diese Basstölpel). Unzählige Vögel an den Klippen liessen den Fels weiss erscheinen und unzählige fliegende Vögel liessen den Himmel erdunkeln. Wir staunten und waren froh, dass diese Tölpel während des Fluges nicht scheissen können (Hoch lebe die Evolution!).

Auf der Insel angekommen, mussten wir eine halbe Stunde laufen um die Vögel aus der Nähe beobachten zu können. Natürlich hatte es auch auf dieser kleinen Insel Wald, wie überall. So liefen wir also durchs Gehölz und hörten immer deutlicher ein Rauschen, das sich mehr und mehr in ein Krächzen wandelte. Und plötzlich standen wir vor Tausenden von Gannets. Ein unglaubliches Treiben! Überall wurde gekrächzt, geschlagen, gezankt, geputzt, gelaufen, geschlafen, geschnäbelt, gelandet, gefüttert, u.s.w.. Wirklich unglaublich, was sich da abspielte. Wir blieben etwa vier, fünf Stunden da und schauten den Tierchen zu. Es war extrem spannend ihnen bei allem zuzuschauen. Als besonders lustig zeigte sich das Landen der Vögel mit anschliessendem spiessrutenlaufen. Ziel der Vögel ist es beim Landen genau das Nest zu treffen, wo sich auch die Geliebte und der Nachwuchs befindet. Dies klappt allerdings nicht immer und dem Falschlander wird von den umstehenden Artgenossen, durch auf ihn einhauen mittels Schnabelspitze, sehr deutlich klar gemacht, dass er sich nicht am richtigen Ort befindet. Dieser versucht nun schnellst möglich auf irgendeine Art an den Rand zu kommen. Das er dabei die Flügel offen hält, was den Umstehenden als weiter Zeilfläche dient, ist seine Sache, uns hatte es jedoch sehr belustigt. Wir verabschiedeten uns dann nicht von jedem einzelnen und fuhren mit einem der Bootsanbieter, da ist es dann egal mit welchem, zurück. Zum Glück sass nicht ich, sondern Nadja direkt neben der Frau die kotzen musste.

Ich muss sagen, diese Menge an Vögel auf so kleiner Fläche und das ganze Treiben war wahnsinnig eindrücklich!

Um nicht jede Nacht im Zelt zu verbringen und mal so richtig in den Genuss der nordamerikanischen Kultur zu kommen, verbrachten wir eine Nacht in einem Motel. Wir haben lange gesucht, bis wir eines gefunden hatten, dass unsere Wünsche erfüllte. Es musste ein langgezogenes sein, bei welchem man vom Auto aus direkt ins Bett steigen konnte. An der Rezeption erkundigten wir uns nach den Preisen, als ich entdeckt habe, dass diese Motel sogar über ein Zimmer mit herzförmiger Sprudelbadewanne verfügte. Da diese das Zimmer aber doppelt so teuer werden liess, begnügten wir uns mit einer normalen Dusche. Das Zimmer war dann auch so, wie wir es uns vorgestellt haben oder wie man es aus den Filmen kennt. Ein breites Bett, kitschige Bilder, eine traumhaft bemalte Wand, leicht müffelnde Luft, Klimaanlage und natürlich ein Fernseher. Nur aus dem Münzeinwurf neben dem Bett wurden wir nicht ganz schlau. Aber dies lies sich ändern und 25 Cents gaben uns die Antwort. Für die nächsten 15 Minuten wackelte unser Bett! Nach den ersten 5 Minuten hatte man aber genug von der Ganzkörpermassage. Das ganze Zimmer wurde dann durch das Fernsehprogramm abgerundet: Kanal 1 Pornokanal! Richtig romantisch wurde es aber erst, als man auf dem Bett lag, das Licht ausmachte und an der Decke über einem die Sterne leuchteten.

Gegen Schluss unserer Reise besuchten wir nochmals eine Insel, die Grand Manan Island. Diese liegt in New Brunswick. Ich muss eherlich sagen, ich fand New Brunswick hört sich irgendwie cool an, bis ich gelesen habe, dass auf Deutsch übersetzt New Brunswick nichts anderes als Neu Braunschweig heisst. Wir fuhren trotzdem hin. Auch diese Insel ist bekannt, für ihre Vogelpopulationen, nur leider waren wir etwas zu spät, so dass die meisten (inkl. Puffins (Fratercula arctica)) schon wieder weggezogen waren. Aber auf dieser Insel sollte es so an die sechs Weisskopfseeadlerpaare (Haliaeetus leucocephalus) geben und wir wollten unbedingt einer von diesen sehen. Wir sahen zwar schon einen, aber den nicht richtig gut, und waren uns nie ganz sicher, ob es wirklich einer war. So richtig befriedigt waren wir noch nicht.

Also fuhren wir auf der Insel etwas herum, zuerst ans südlich Ende, genossen die schöne Landschaft, die Klippen und das Meer, aber weit und breit kein Adler. Am Abend waren wir dann am nördlichen Ende der Insel angekommen. Damit ihr euch die Szene gut vorstellen könnt, hier ein kleine Beschreibung. Wir sassen auf einer kleinen, hölzernen Plattform, die keine Geländer hatte, also mehr wie eine Bühne aussah, am Meer. Aber nicht direkt, sondern etwas weiter oberhalb der Wasseroberfläche. Um die Plattform herum waren hauptsächlich Sträucher und in einem Abstand von ca. 10-15 Meter kam der Wald. Aber nur hinter der Plattform, so dass man einen wunderschöne Aussicht auf das Meer und die abendliche Stimmung hatte. Wir sassen also da, haben ein bisschen aufs Meer geschaut und den Moment genossen, wie ich plötzlich einen Wal sehe. Mit dem Fernglas nicht ganz so weit weg, sah man sogar die Wasserphontäne, die beim Ausatmen entsteht. Nun wir waren schon auf einer Walbeobachtungstour, die auch sensationell war. Wir haben da sogar einen Blauwal (Balaenoptera musculus) gesehen (ein Traum ging in Erfüllung) und noch mehrere andere Arten. Aber wenn man von Land aus und ohne die Erwartung plötzlich diese grossen Säuger sieht, ist das schon was ganz spezielles. Zumindest war es das für uns. So war unser Blick natürlich voll auf die Meeresoberfläche fixiert, in der Hoffnung noch weiter Wale zu erspähen. Dies gelang uns auch tatsächlich und wir sahen immer wieder das langsame Auftauchen riesiger Rücken. Unsere fröhliche und gemütliche Stimmung wurde dann aber von einem anderen Paar beendet, dass mit der Frage, ob wir den Weisskopfseeadler auch gesehen hätten, die Plattform betrat. Es stellte sich heraus, dass dieses Federvieh direkt vor uns vorbei flog, und man deutlich den weissen Kopf und Schanz erkannt habe. Nun, ich bin ehrlich, es hat uns schon sehr gefuxt. Die Wale waren super, keine Diskussion, aber einen Weisskopfseeadler aus dieser Nähe... und wir hätten bloss 20 Sekunden hochschauen müssen. Naja was will man, wir gaben uns halt mit den Walen zufrieden, doch es nagte weiterhin ein bisschen an unserem Gemüht. Das Paar verabschiedet sich dann und wir sassen noch eine Weile, weil es einfach so schön war. Nun irgendwann war es auch für uns Zeit, wir standen auf und wollten gehen. Da kam wie aus dem Nichts, hinter einem der Bäume zu unseren linken Seite, ein Weisskopfseeadler hervorgeflogen. Ich erinnere, diese Bäume standen so 10 Meter von uns weg! Man konnte wirklich jedes Detail sehen, den weissen Kopf, der gelbe Schnabel, die gelben Füsse und natürlich auch den weissen Schwanz. Staunend folgten wir mir unserm Blick dem wunderbaren Vogel, der vor uns vorbei flog, der untergehenden Sonnen entgegen!