Expeditionsbericht

Am 3. August 2003 hatte das Warten endlich ein Ende. Die erste offizielle und im Forum angekündigte RedQueens Expedition ins Gebiet des Augstmatthorns konnte bei schönstem Wetter durchgeführt werden! Leider war die Teilnehmerzahl aus diversen Gründen, auf die ich hier nicht einzeln eingehen möchte, etwas gering. Neben Flo und mir nahm mit Ian Hamilton, der nicht verwandt oder verschwägert ist mit dem grossen Bill Hamilton, auch ein bekannter und erfahrener Wissenschaftler aus Kanada teil. Seine Kenntnisse im Bereich der Naturvölker sollten uns noch viel Nutzen bringen.

Nachdem ich am frühen Morgen zuerst Ian und später Flo aufgeladen habe, dislozierten wir gemeinsam in Richtung Untersuchungsgebiet. Die Schönheit des Gebietes fiel uns bereits auf der Anfahrt, entlang den Gestaden des Thunersees auf. Kurze Zeit später, bei Interlaken bogen wir Richtung Habkern ab. Es folgte ein langer Aufstieg nach....Beatenberg. Es wurde uns bald klar, dass etwas mit der Route nicht stimmen konnte. Die Wege in dieser Region sind allerdings auch in einem sehr schlechten Zustand, so dass man oft nicht weiss, ob ein bestimmter Weg nun eine Strasse oder ein Wildwechsel ist. Da kann man schnell vom Weg abkommen. Trotzdem wurde mit Flo schnell der Schuldige für den Fauxpas gefunden. Schliesslich war ich mit Fahren beschäftigt und hatte nicht auch noch Zeit mich auf Objekte neben der Strasse, wie Strassenschilder zu konzentrieren. Kurze Zeit später haben wir dann aber doch das Untersuchungsgebiet erreicht. Gut gelaunt und die roten Wandersocken bis über die Knie gespannt, haben wir uns ins unzugängliche Gelände begeben um unsere ersten Beobachtungen anzustellen. Es galt Ian zu beweisen, dass Steinböcke tatsächlich existierten. Er hatte nämlich bisher bei all seinen Ausflügen weder Gämsen noch Steinböcke und lediglich ein Murmeltier gesehen. Schon kurz nach den ersten beschwerlichen Steigungen konnten wir die ersten Gämsen unterhalb des Wanderweges in den Geröllfeldern entdecken (die Örtlichkeiten sollten den meisten noch ein Begriff sein).

Wenig später entdeckte Flo mit seinem Spektiv am Hohgant einen kapitalen Steinbock, direkt vor einem Loch im Berg. Man erkannte also nur die anmutige Silhouette vor weissem Hintergrund...einfach pittoresk.

Während unseren Beobachtungen löste sich unter Getöse in etwa 300 m Entfernung eine gewaltige Gerölllawine, vor der wir uns nur mit einem Sprung in eine Mulde retten konnten...nun, vielleicht war die Lage nicht ganz so dramatisch, jedenfalls rannten die Gämsen in der Folge ins schützende Dickicht wo wir sie nicht mehr beobachten konnten. Wir haben dann unseren Marsch zum Suggiturm vorgesetzt. Nachdem wir den Hang überquert hatten, erreichten wir den Grat und damit die wunderschöne Aussicht (siehe Bild) auf den Brienzersee und den Eiger, Mönch und die Jungfrau...und den Mystery Park. Während der kurzen Rast konnten wir einen Turmfalken, einen Sperber und das einzige Dampfschiff des Brienzerses beobachten. Nachdem wir uns kurz verpflegten, ging es auch schon weiter Richtung Gipfel. Nur Minuten nach unserem Aufbruch haben wir, oder besser gesagt Flo, die ersten Steinböcke entdeckt und zwar just an der gleichen Stelle, an der wir schon vor 2 Jahren zwei Junge Steinböcke in der Felswand beobachtet haben. Die insgesamt 6 Tiere hielten sich allerdings weiter unten direkt unterhalb einer schattenspendenden Felswand auf. Es handelte sich um 4 Weibchen und zwei Junge.

Kurz darauf erreichten wir die Spitze des Suggiturms wo wir kurz pausierten um uns zu verpflegen. Man hatte uns schon gewarnt, dass sich aufgrund der Hitze die Steinböcke im Wald aufhalten und wir auf dem Grat zwischen Suggiturm und Augstmatthorn keine weiteren Steinböcke werden sehen können. Trotzdem sind wir aufgebrochen um auch den zweiten Gipfel noch zu erklimmen. Auf dem Grat war allerhand Betrieb und man hat viele Leute getroffen. Unter anderem auch sie. Dieses blonde, engelsgleiche Wesen in das ich mich sofort verliebt habe. Leider konnte diese Geschichte nicht gut enden. Unsere Lebensentwürfe waren einfach zu verschieden. Sie war auf dem Weg zum Augstmatthorn und wir befanden uns schon wieder auf dem Rückweg Richtung Suggiturm um einen geeigneten Ort fürs Mittagessen zu finden. Wenn zwei Menschen in ihren Planungen so verschieden sind, soll man den Wink des Schicksals demütig annehmen.

Nachdem wir uns ausgeruht hatten, machten wir uns an den Abstieg Richtung Tal und Richtung eines Ortes von dem her uns schon den ganzen Tag seltsame Klänge erreichten. Unten angekommen wurden wir Zeugen einer Festivität des dort ansässigen Volkes. Wir wurden Zeugen von wilden Riten und Gebräuchen.

Diese Eingeborenen schienen ein Initiationsritual zu feieren, bei dem die Adoleszenten Jungen durch die Darstellung einer wilden Kampfszene symbolisch den Schritt vom Jungen zum Mann vollzogen. Zu diesem Zweck kämpften sie in absichtlich übergrossen Hosen, die wohl ein Utensil des „grossen“ Jägers darstellten. Praktisch alle Anwesenden waren sehr seltsam gewandet. Ob diese Kleidung der Alltagskleidung entspricht oder eine spezielle Bedeutung im Rahmen des Ritus hatte, war uns nicht ganz klar. Ian Hamilton konnte dann einiges Licht ins Dunkel bringen indem er uns auf einige Parallelen zu nordamerikanischen Indianervölkern hinwies. So wurden die Kämpfe von zwei Männern optisch und akustisch begleitet, wobei einer der beiden scheinbar die Funktion eines Medizinmannes oder einer Art Schamanen inne hatte. Er bliess durch ein etwa 3 Meter langes Holzrohr, welches am unteren Ende wie ein Lautsprecher in die Breite lief und erzeugte damit Klänge, die dem Walgesang nicht unähnlich waren. Sein Gehilfe schwenkte dazu rhythmisch eine Fahne, die sich bei näherem Betrachten als exakte Kopie der schweizer Fahne entpuppte. Diese ganze hypnothisierende Zeremonie wurde von allen Eingeborenen feierlich verfolgt.

Um der Kultur dieser Menschen unseren Respekt zu erweisen, mischten wir uns unters Volk und haben von ihren Esswaren und Getränken gekostet. Während Flo eine Speise aus Käse und einem Getreideprodukt, das unserem Brot verwandt scheint, untersuchte, kostete Ian ein Getränk, das aus dem Sekret von Äpfeln gewonnen wird. Die Qualität der Speisen hat uns überrascht und uns gelehrt, dass selbst Menschen, die aufgrund ihrer Isoliertheit vom Fortschritt und der Moderne nichts mitbekommen haben, unseren Respekt und Toleranz verdienen.

Diese abenteuerliche Expedition ins Reich der Wildnis hat bei uns allen Lust auf mehr geweckt. Hoffentlich werden sich das nächste mal weitere RedQueens anschliessen....

Euer Chregi